Meyer´s Schäng und der ewige Mucks

     

Johann "Schäng" Meyer im Jahre 1979
 
Foto: Heinrich Peter Schmitz, Langenfeld
     

Schäng Meyer war ein komischer Kauz. Er wohnte auf seinem alten Schokker, mitten im Hitdorfer Hafen, tagsüber. Abends ging er hoch in sein kleines buntes Häuschen, in dem seine Frau, dat Lieschen wohnte. So erhielten die beiden alten Leute wohl ihren Ehefrieden

Und jeden Mittag, den Gott erschaffen hatte, hörte man auf den Lohrer Rheinstraße, etwa Höhe des Hauses 150 eine schrille Altfrauenstimme laut und deutlich rufen: „Schääääng, esse kumme…!“ Lieschen war es dabei egal, dass sich zig Solinger Touristen nach ihr umschauten, die Sonntags „dat grote Water kieken“ kamen. Viele davon blieben vor dem bunten Ensemble, nämlich Schiff unten, Häuschen oben, stehen und staunten nicht schlecht über dieses eigenartige, wenn auch sympathische Stückchen Lokalcholorit im Hitdorfer Hafen.
Nach Lieschens Ruf, quer durch die Nachbarschaft, sah man dann, wie sich ein hagerer, ganz in blau gekleideter alter, wenn auch noch drahtiger Mann mit blauer Schiffermütze und einem
immer brennenden Mucks (flache Pfeife für hellen Tabak) im Mundwinkel. mit holländischen Holzschuhen (Blotschen) an den Füßen, langsam von seinem geliebten Schiff löste, gemächlichen Schrittes über das Bretter-Brückchen klapperte und sich nach oben begab, der notwendigen Handlung der Nahrungsaufnahme entgegen.

Hatte Schäng etwas Kniffeliges zu tun, konnte es sein, dass Lieschens Stimme zum zweiten mal erscholl, diesmal noch kräftiger als vorher und noch ungerührter gegenüber der zwischenzeitlich interessierten Bevölkerung, in dem sie rief: „ Schäääääääääng, kumm jitz esse, et wöht kahlt…!“ Etwas peinlich berührt, konnte es sein, dass Schäng dann brumming antwortete: „Jo, du domm Minsch, esch hann et verstande, fang schon enz ahn…!“

Jedenfalls führten die Lockrufe des Lieschens immer zum gewünschten Erfolg, auch wenn sich Schäng auf seinem flachen Nachen von seinem fest vor Anker liegenden, zum Hausboot umfunktionierten Schiff weit entfernt hatte, also z.B. auf dem Od mal nach dem rechten guckte, oder bei Hochwasser gerade mal wieder einen wichtigen Baumstamm fischte, den man eventuell gebrauchen könnte. Lieschens Stimme kam überall hin. Böse Stimmen munkelten, dass man Lieschen selbst am Niederrhein noch hörte und  sie so manchen Schiffer vor dem Einschlafen bewahrt hätte.

Hatte Schäng nun gegessen, war er eiligst wieder auf seinem Schiff und fummelte etwas, oder putze zum 100sten mal die Stege drum herum. Oftmals malte er auch die bunten Farben seines alten Eisenschiffes nach, welches bezeichnenderweise „Elisabeth“ hieß,  nach der Frau, die Schäng wohl verehrte. Wir Kinder vom Rhein haben etwas gebraucht, um zu begreifen, dass damit die alte Frau Meyer, dat Lieschen  gemeint sein musste.
Das Schiff vom Schäng war ein alter holländischer Schokker aus Eisen, der früher in der Zuidersee (heutige Ijsselmeer) zum Aalfang benutzt wurde. Schäng hatte, als alter Seemann und  Absolvent der kaiserlichen Kriegsmarine (er hat auf der S.M. Hohenzollern gedient) diesen Schokker eigenhändig aus Holland geholt und im Hitdorfer Hafen vor Anker gelegt.

 
Der Schokker (Tjalk) von Meyer´s Schäng im Hitdorfer Hafen bei Hochwasser, etwas Mitte der 1970er Jahre, in seinem letzten Anstrich. Die Farbtöne waren schon fast Pastelle, wobei die früheren Farben des Schiffes in den sechziger Jahren viel knalliger waren... 1979 war es dann beim Eisgang vorbei.
Dahinter, das weiße Schiff ist von dem kölsche Jung Wilhelm (Wellem) Baum, der mit seiner Frau das Haus vom Schäng geerbt hat und bewohnt.
 
Foto: Heinrich Peter Schmitz, Langenfeld
     

Es hatte eine große Kajüte, die Schäng wohnlich einrichtet hatte, mit einem Sofa, einem Donnerofen, alten Bildern und Urkunden, Fotos von Verstorbenen, die er in Ehren hielt. Auf dem Sofa lag lange Jahre ein Wolfsspitz namens „Wölfchen“, während Schäng meist draußen beschäftigt war. Und der ewige Mucke brannte immer.

Eines Tages, es muss so im Jahre 1967 gewesen sein, saßen wir Jugendliche, die wir die natürlichen Feinde des Schäng waren, weil wir immer über die frisch geputzten Brückchen liefen, oben auf der Rheinstraße, hörten mittels eines Kofferradios zeitgenössische Musik, sofern die Sender das damals zuließen und schauten bei Beatles und Rolling Stones gedankenverloren dem Schäng bei seinen Handlungen zu.

Der obligatorische „Schäääääääng-Ruf“ war schon erschollen und Herr Meyer stand  wie immer schweigend und uns den Rücken zuwendend in seinem flachen alten Nachen an der Landseite der alten Elisabeth und war dabei genau diesen Namenszug mittels eines Malerpinsels minutiös nachzumalen, auf dass er wieder von weitem lesbar sei. Dabei sahen wir, wie gewohnt, dass hinter der flachen blauen Antwerpener Schifferkappe der ewige Mucks um so mehr brannte, je kniffeliger die Aufgabe wurde. Bögelchen für Bögelchen malte der alte Mann in blauer Wolle gekleidet und seine ganze Aufmerksamkeit gehörte seinem Tun……

…nun war es aber Hochwasser und die den Hafen schützende Kribbe war längst überspült.

Immer wieder rollten sich kleine Wellen des Rhein ab, die auf Grund der Strömung aber nie bis in den Hafen kamen. Und während Herr Meyer nun am L des langen Namens erst war, pflügte sich „bergauf“ ein ordentlicher Schlepper durch das braune, schnelle Rheinwasser, mit einer ordentlichen Bugwelle. Aus den Augenwinkeln sahen wir die Bescherung langsam kommen. Mit Zeitverzögerung erreichten hohe kurze Wellenberge die Kribbe, setzten kurzerhand über den Hafen, ehe wir uns oben abschubsen konnten und sprachlos zuschauten hob die Kraft der Wellen das alte Eisenschiff des Schäng hoch  erreichten nun den dahinterliegenden Nachen, in dem der Schäng stand und den kleinen Pinsel genauso fest hielt, wie seinen brennenden Mucks in der „Schnüss“. Sie brachten den Nachen zum Kentern.

Schäng mit Mucks und Kapp war Zehntelsekunden ganz im Wasser verschwunden, der Nachen lag mit der Unterseite nach oben…, wir hielten den Atem an, waren aber bereits vor Lachen am Prusten, als der Kopf vom alten Schäng wieder auftauchte und zwar mit Kappe auf dem nassen Kopf und mit "Mucks" in der Schnüss….. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass wir uns vor Lachen auf die Schenkel klopften….

…Schäng stieg seelenruhig aus dem Wasser, seine blauen Seemannsklamotten trieften vor Nässe, die Kapp hing schlapp über dem grauen Haar un dä "Mucks" wor immer noch in der Schnüss…. , als Schäng ein paar Sekunden später aus dem Wasser stieg, zog er an dem Mucks und siehe da, der brannte noch….(ganz ehrlich)

…spätestens da war für uns alles vorbei, wir konnten nicht mehr vor Lachen, hauten uns immer wieder auf die Schenkel und weinten Bäche von Tränen der  Freude über einen alten Mann, der ich echt ja unser Feind  war…

Wir, das waren in der Geschichte: „Moki“ Wolfgang Koczber, der Enkel vom Schorns Lui, Eddo Gastorf, der Sohn des damaligen „Robertson“-Chefs und meine Wenigkeit, vormals Nachenbesitzer im Hitdorfer Hafen in alter Tradition, Heinrich P. Schmitz, der Sohn des Anstreichers Schmitz von der Hitdorfer Brauerei….

 …..und wenn wir dann in der Dämmerung die kleine Pitchbeinholzschaluppe lautlos über das spiegelglänzende Wasser des Hitdorfer Hafens gleiten ließen, während in Höhe Dormagen die Sonne hinter den Schornsteinen versank, nahmen wir die Silhouetten der alten Männer wahr, die auf dem Steuerplatz der alten Elisabeth  in der Runde saßen und  über das Wasser erschollen die alten Geschichten von früher und von denen, die nicht mehr bei uns sind. Drum seien einige hier erzählt.

 

Bereitgestellt von:

Heinrich Peter Schmitz
"ne echte Lohrer Jung"
aus Langenfeld

 

 

Last-Update: 02.03.2009 15:09:50